Veranstaltungen im III. Quartal 2025
| Rückblick: Baum & Zeit Beelitz- Heilstätten Führung „Zeitenwandel-Wandelzeiten-Geschichten“ und Baumkronenpfad von Monika Wöllert |
Es war die erste Busfahrt, die unser Seniorenbeirat organisiert hat und konnte wegen der geringen Anmeldungen aus unseren Reihen nur stattfinden, weil sich genügend Senioren des Seniorenbeirates der Technik-Niederlassung Berlin gemeldet hatten. Insgesamt waren wir 42 Teilnehmer, die gemeinsam einen schönen Tag verlebten.
Dank der couragierten Busfahrerin Elke waren wir trotz Stau pünktlich in Beelitz, wo wir zunächst mit einer interessanten Führung begannen. Nach der Führung hatte jeder ausreichend Freizeit für den Besuch des Baumkronenpfades, Spaziergänge und Nutzung der gastronomischen Einrichtungen.
Für die Senioren, die nicht teilnehmen konnten, hier einige Impressionen:
Jetzt gibt es für fast alles eine Medizin; anders im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Bedingt durch die ungesunden Wohnverhältnisse (Trockenwohnen der neu errichteten Gebäude) entwickelte sich die hochansteckende Tuberkulose insbesondere unter der armen städtischen Bevölkerung zur Volksseuche.
Die Ansteckungswege waren erkannt, ein wirksames Medikament nicht in Aussicht und die Hygiene in der Bevölkerung nicht nur sprachlich ein Fremdwort. Auch um die Ansteckungswege zu unterbrechen, beauftragte die Landesversicherungsanstalt Berlin für die Arbeiter der Reichshauptstadt den Bau der Beelitzer Heilstätten, nah genug an Berlin und inmitten märkischer Wälder.
Anlage Beelitzer Heilstätten
In nur 4 Jahren (1898-1902) hatten ca. 4.000 Bauarbeiter den ersten Bauabschnitt fertig gestellt, und das in traditioneller Bauweise Stein auf Stein! Wer denkt da an den BER?
Schon bei der Eröffnung 1902 war die Anlage in vier Quadranten eingeteilt, durch Pförtnerhäuser streng getrennt für Männer und Frauen und dort jeweils für leichter und schwerer Erkrankte. Schon das erste Konzept des Architekten Heino Schmieden sah alles vor, was für einen weitestgehend autarken Betrieb der Anlage erforderlich war: Wohnpavillons für die Patienten, genannt Pfleglinge, Wohnhäuser für die Bediensteten und Ärzte, Kochküchen- und Wäschereigebäude, Bäckerei, Fleischerei, Gärtnerei, zentrales Badehaus, Anstaltskirche sowie ein hochmodernes Heizkraftwerk für die Erzeugung von heißem Wasserdampf, Warmwasser und elektrischem Strom.
In einer 2. Ausbaustufe (1906-1908) wurde die Anlage erweitert, z.B. um 273 Betten im Alpenhaus, der einzigen Weltkriegsruine auf dem Gelände der Beelitzer Heilstätten.
Nach Einführung der Röntgentechnik wurden OP-Methoden gegen die TBC möglich und in einer 3. Bauphase (1928-1930) wurde auf dem „Frauengelände“ die Chirurgie als separates Gebäude mit 3 OP-Sälen eröffnet; hier erstmals für Männer und Frauen in einem Gebäude; aber natürlich in streng getrennten Bauteilen.
Die Medizin setzte bei der TBC-Behandlung auf Ruhe und Bewegung in schöner Umgebung und frischer Luft, gesunde Ernährung, Hygiene und (insbesondere kalten) Wasseranwendungen.
Die Pfleglinge erhielten kostenlose Anstaltskleidung und einen blauen Heinrich (einen Taschenspucknapf aus kobaltblauem Glas für den hoch infektiösen Auswurf).
Die Unterbringung der Pfleglinge erfolgte in Räumen mit großen Fenstern, im OP-Gebäude in Einzelzimmern. Dem Konzept langer Aufenthalte an frischer Luft folgend, hatte hier jedes Zimmer einen Balkon. Die Balkone der zweiten Etage sind rückversetzt, um die Zimmer der ersten Etage nicht zu verschatten.
Lange Aufenthalte an frischer Luft waren als ausgedehnte Spaziergänge und Liegekuren -zu jeder Jahreszeit- Teil der Therapien in Beelitz. In jedem Quadranten der Anlage gab es Liegehallen und eine Frischluftanlage, in der die Pfleglinge sich blickgeschützt bewegen und Sport treiben konnten.
Für den Pflegling bedeutete der von der Versicherung bezahlte Aufenthalt nicht nur die Chance auf Besserung seiner
Krankheit, sondern auch eine totale Umstellung seiner gewohnten Lebensweise. Die Mahlzeiten wurden in großen Speiseräumen eingenommen, jeder mit einem eigenen Besteck. Von einem Balkon wurden die Pfleglinge beobachtet, ob sie ihre Mahlzeit aßen (viele waren zu dünn) und ob sie nichts in ihre Taschen steckten (Hygiene). Bei groben Verstößen drohte die Heimreise. Wenn die Pfleglinge nach 6, 9 oder 12 Monaten nach Hause entlassen wurden, benötigten sie oft neue Kleidung, sie passten nicht mehr in die bei der Aufnahme getragenen Kleider, weil sie an Gewicht zugenommen hatten. Übrigens: Frauen benötigten für den Aufenthalt nicht nur eine Einweisung durch den Arzt, sondern auch eine schriftliche Einwilligung des Ehemannes!
In den Weltkriegen wurde die Anlage jeweils als Lazarett für kriegsverwundete Soldaten genutzt. Von 1945-1994 wurden die
Beelitzer Heilstätten als Zentrales Militärkrankenhaus der russischen Besatzungstruppen genutzt; es fanden (außer im OP-Bereich) keine Um- und Neubauten statt. In den eingezäunten Arealen der Frischluftanlagen hielten die Besatzungstruppen Nutztiere, die Umkleidegebäude wurden als Schweineställe genutzt.
Nach 1994 kam die Zeit des Vandalismus und Materialdiebstahls, es wurde geklaut und zerstört, was immer ging. Dadurch erhielt die Anlage immer mehr das Ambiente eines „lost place“ und wurde damit attraktiv für die Nutzung als Kulisse für Film- und Musikaufnahmen.
Die neuen Eigentümer sind dabei, alle vier historischen Quadranten mit neuem Leben zu erfüllen, sowohl als medizinischer als auch als Wohnstandort.
Baumkronenpfad
Der Baumkronenpfad wurde 2015 eröffnet und wird noch weiter ausgebaut. Mit einem Fahrstuhl ist er für alle gut zu erreichen. In 14,4 -21,6 m Höhe kann man bei einem 700 m langen Spaziergang (es schwankt und schaukelt wirklich nicht!) mit zahlreichen Sitzmöglichkeiten die ehemalige Lungenheilstätte für Frauen von oben betrachten, sich über Details zu den umgebenden Baumarten informieren oder auf einer Riesenhängematte die Seele baumeln lassen.
Beeindruckend ist auch der Blick von oben auf die von Bäumen bewachsene sehr große Ruine des Alpenhauses, dessen Dachstuhl bei Kampfhandlungen im April 1945 abbrannte. Ein Wiederaufbau ist nicht vorgesehen.
Fazit
Auch nach mehr als 100 Jahren und dem Verfall nach Krieg, unterschiedlicher Nutzung und Vandalismus haben diese im damals modernen Stil alter Landschlösser errichteten Zweckbauten ihren unvergleichlichen Charme nicht verloren.
Und nun können wir sagen: wir waren in den Beelitzer Alpen!
Vielen Dank an Gabi und Marion für die Organisation des schönen Tages.
Vielen Dank auch an Tino Oswald für die Bildergalerie, die unter dem nachfolgenden Link eingesehen werden kann:
Übrigens: die Beelitzer Heilstätten bieten auch andere interessante Führungen an und sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen.
